Warten auf den perfekten Moment, den es nicht gibt
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Warten auf den perfekten Moment den es nicht gibt

Photo by Cristian Newman on Unsplash

Warten auf den perfekten Moment den es nicht gibt

Immer wenn ich erzähle, dass ich ehrenamtlich im Hospiz arbeite kommt „Oh wow, Respekt, aber ich könnte das nicht“.

Klar, verstehe ich. Jedoch frage ich mich oft, was sich Menschen unter einem Hospiz vorstellen. Ich habe letztens erzählt, wie lustig es manchmal ist. Und was für bewegende Geschichten ich oft höre. Da ist ein älterer Herr, der jedem der ihn besucht das Hochzeitsfoto von ihm und seiner Frau zeigt. Von 1963. Und mit Stolz erzählt er dann von seiner Frau. Immer noch, in 2018. Und er erzählt von seiner Arbeit in der DDR und was er alles erlebt hat.

Dann eine andere Dame, die mir jede Woche dasselbe erzählt, aber wenn sie lacht sieht sie aus wie ein kleines Mädchen dass sich total freut, dabei zieht sie die Schultern so hoch. Sie sitzt jeden Nachmittag im Gemeinschaftsraum und trinkt ihren Kaffee.

Vom gelebten Leben erzählen

Es ist so wichtig, dass wir die Geschichten der Menschen anhören, denn kurz vor dem Tod lassen wir vieles nochmal Revue passieren und gerade Menschen die keine Angehörigen haben oder keinen Kontakt zu ihnen, haben oftmals Angst dass Ihr Leben in Vergessenheit geraten wird.

Und was mich auch sehr berührt ist das Personal. Wie freundlich alle sind, jeder stellt sich mir vor, wenn wir uns noch nicht kennen, jeder fragt, kommt auf mich zu, es ist einfach menschlich. Ich kenne Büros aus meiner bisherigen Laufbahn, da grüßt man sich nichtmal auf dem Flur (ich schliesse mich da ein). Und ich frage mich warum.

Das Schöne am Hospiz ist, dass das weltliche, dass das womit wir uns eigentlich täglich beschäftigen (oder ablenken?) nicht mehr wichtig ist. Wichtig ist, dass die Menschen gut versorgt sind. Sie bekommen alles was sie möchten, vom Schnaps bis hin zur Schmerztablette. Und ansonsten werden sie umsorgt.

Es ist schade, dass erst im Hospiz wieder ausreichend Geld für Pflegepersonal zur Verfügung steht. Ich sehe hier jede Woche mindestens fünf Pfleger/Schwestern für 14 Patienten. Im Altersheim war es am Wochenende ein Pfleger.

Ich besuche ab und zu einen älteren Herrn, der aus dem Hospiz verlegt wurde. Zum Sterben machen wir es uns wieder schön, das soll „würdevoll“ sein und „angenehm“, aber was ist mit dem Leben „davor“?

Ich habe vor ein paar Wochen beim Umzug des älteren Herrn geholfen und als ich zum ersten Mal das Altersheim betrat wurde mir ganz schwach um’s Herz. Er sagt wenn er klingelt weil er eine Schmerztablette braucht dauert es manchmal eine Stunde bis jemand kommt. Nun bekommt er immer zwei Schmerztabletten, damit er für’s nächste Mal eine parat hat und nicht warten muss.

Eine Angestellte vom Altersheim sagte ebenfalls „Oh je, im Hospiz könnte ich nicht sein“ und ich sagte ihr „Wissen Sie, ich finde es hier schlimmer, denn im Hospiz weiss man wenigstens, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit bald vorbei ist. Hier bleibt man mitunter Jahre.“ Und sie nickte mir wissend zu.

Immer arbeiten wir auf etwas hin, aber was ist jetzt?

Worauf ich hinaus möchte: Wie mit allem in unserem Leben warten wir auf den Moment, der es verdient hat besonders zu sein.
Wir arbeiten monatelang auf den Urlaub hin. Wir warten auf den Moment in dem alles „perfekt“ ist für die eine Frage, dieses eine wichtige Gespräch. Wir warten im verwohnten Altersheim auf das schöne neue, perfekt ausgestattete Hospiz.

Und was hinzu kommt: Zwei von den Menschen die ich länger begleitet habe bis sie verstorben sind hatten Familie bzw Kinder, aber aus irgendeinem Grund bestand kein Kontakt. Wegen Fehler die jemand gemacht hat, wegen „falsche Verhaltens“, wegen eines Streits. Jeder hat in so einer Situation sicherlich ein bisschen Recht und ein bisschen Unrecht. Und ich kann Menschen wirklich verstehen die sagen „Dann soll er/sie doch endlich sterben, dann bin ich meine Sorgen los“.

Ja, weil wir in dem Moment glauben, dass unser Schmerz damit zusammenhängt, dass die andere Person sich nicht ändern will, oder nicht einsehen will was sie falsch gemacht hat. Und dass diese unerfüllte Hoffnung endlich weg ist wenn die Person nicht mehr existiert. Ja, das wird sie auch, aber gleichzeitig ist auch Deine Chance weg der Person zu sagen was Dir wichtig gewesen wäre. Unabhängig davon ob sich das Gegenüber darauf einlässt oder nicht.

Man bereut immer etwas

Ich habe bisher niemanden getroffen der nicht in seinen letzten Tagen oder Monaten bereut hat was er falsch gemacht hat. Oftmals waren es Eltern, deren Kinder den Kontakt abgebrochen hatten weil sich die Eltern nicht ausreichend gekümmert hatten. Das ist unentschuldbar, keine Frage. Aber beide Seiten haben es nicht geschafft sich den Frust von der Seele zu reden. Undzwar nicht mit einer anderen Person, sondern wirklich gerichtet an den Beteiligten.

Und diese Chance ist auch weg, wenn eine Seite verstirbt.

Es ist unwichtig ob man vergibt oder sich versöhnt. Das ist natürlich schön, wenn es passiert, aber meistens sind die Fronten dazu schon zu lange verhärtet.

Aber wir schulden es uns selbst, dass wir der Person von der wir uns verletzt fühlen genau das sagen. Wir können es therapeutisch aufarbeiten, Halt bei unserem Partner finden, etc. Aber nichts ersetzt, dass Du dem „Verursacher“ sagst was Dich belastet. Oder auch umgekehrt, dass Du Dich erklärst, wenn Du etwas getan hast was Du bereust.

Warte nicht auf den perfekten Moment oder den Sommer oder oder. Was heute ist kann morgen vorbei sein, ich erlebe es immer wieder.
Fass Dir ein Herz und sage was Dich bedrückt. Ohne Erwartung, ohne Bedingung. Einfach nur für Dich. Du wirst sehen, dass es befreiend ist wenn Du für Dich selbst einstehst.

Und wenn Du Hilfe brauchst, dafür gibt es zBsp im Hospiz Ehrenamtliche, die Dich begleiten oder Coaches, bei denen Du heulen, mit dem Fuß aufstampfen oder Dein Herz ausschütten kannst *zwinker*

Alexandra
info@leid-und-freud.de