Trauer, Tod und Einsamkeit
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Trauer, Tod und Einsamkeit

Trauer, Tod und Einsamkeit

Das Thema der diesjährigen Woche der Seelischen Gesundheit ist „Gemeinsam statt einsam – seelisch gesund zusammen leben“. Ich werde dazu eine Veranstaltung im Yorck Share anbieten und als ich mich so mit dem Thema beschäftigt habe, machte es Klick bei mir.

Im Januar fand ich mich in einer Supervision wieder und sprach über meine Angst vor der Einsamkeit. Ich habe bis dato drei Menschen in ihrer letzten Phase begleitet und alle drei waren: einsam.
Alle waren um die 80, hatten Kinder, aber wenig bis keinen Kontakt. Alle lebten alleine. Einer von ihnen sogar sehr mittellos. Ich fand mich letztes Jahr auf seiner Sozialbestattung. Wir waren zwei Ehrenamtliche vom Hospiz und vier seiner Freunde. Sonst niemand.

Angst vor der Einsamkeit

Ich habe mittlerweile Angst davor auch einsam zu sein. Meist verbinde ich das mit „später“, wenn ich alt bin, wenn meine Freunde gestorben sind und meine Nachbarn, wenn ich alleine nicht mehr klar komme und Hilfe brauche. Das Bild der alten, alleinlebenden Frau, die kaum noch aus ihrer Wohnung kommt, deren Rente so gerade eben reicht ist in meinem Kopf. Woher kommt das und was können wir tun?

„Loneliness Strategy“

In Großbritannien gaben ein Fünftel der Bevölkerung an einsam zu sein. Die Regierung hat daher eine Kampagne ins Leben gerufen, die gegen die Einsamkeit ankämpfen soll. Warum? Weil Einsamkeit uns seelisch krank machen kann. Wir brauchen Zuwendung, Austausch, Berührung, Zuspruch, Nähe und auch mal Reibung und Konflikte, die Spiegelung von dem was wir tun und denken.
So sehr wir uns auch selbst lieb haben und so sehr Individualismus heutzutage propagiert wird, so sehr müssen wir auch aufpassen uns nicht zu isolieren.

Was hat das mit Trauer und Tod zu tun?

Wie ist das, wenn nach 55 Jahren Ehe der Partner stirbt? In meinem Trauerspaziergang letztens waren zwei ältere Herren, die nun beide allein leben. Auf einmal, nach 55 Jahren mit ihren Frauen. Die Wohnung auf einmal leer und groß, die Kinder bereits weggezogen. Wie kann man sich mit 70/80 nochmal neu erfinden, in einer Trauerphase? Allein?

Aber das gilt nicht nur für ältere Menschen. Was, wenn der Partner in jungen Jahren stirbt? Auf einmal ist man alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern. Wie bleibt da Platz für Austausch mit Erwachsenen?

Bisher hat mir JEDER (!) Trauernde -mit dem ich gesprochen habe- gesagt, dass sich Teile seines Umfelds abgewendet haben. Dass nach drei Monaten erwartet wurde, dass man wieder der Alte ist wie früher. Dass nach sechs Wochen einfach keiner mehr Zeit, Lust, Geduld hatte noch weiter über Trauer zu sprechen.
Einige Male habe ich schon gehört, dass der Partner sich getrennt hat, weil die Trauernden immer so traurig waren.

Warum hat unsere Gesellschaft so wenig Verständnis für seelische Bedürfnisse?

Wenn wir Trauer und Tod weiter tot schweigen, wird sich das auch nicht ändern.
Familien leben nicht mehr ein ganzes Leben lang eng zusammen, wie es früher einmal war. Sowieso zieht man heutzutage viel häufiger und schneller um, Freunde leben verstreut. In Großstädten haben wir (leider? Gottseidank?) ein Überangebot an Aktivitäten, ich könnte in Berlin jeden Tag zu einer neuen Veranstaltung gehen, neue Leute kennenlernen. Aber welche Verbindungen davon werden tatsächlich eng oder vertrauensvoll? Dasselbe im Online Dating. Wir haben heutzutage theoretisch die Möglichkeit, täglich (!) einen neuen potenziellen Partner kennenzulernen. Total unverbindlich. Das ist toll, einerseits, aber ich habe manchmal das Gefühl, dass wir noch nicht gelernt haben, damit umzugehen.

GB als Vorbild?

GB wird bis Ende 2020 das Thema Einsamkeit in den Lehrplan aufnehmen und Kindern beibringen, wie wichtig soziale Verbindungen sind (nebenbei bemerkt: GB ist auch das Land, das Programmiersprachen in den Lehrplan integriert hat, um Kinder auf die Digitalisierung vorzubereiten… Hier gibt es anscheinend viele Beispiele).
Die Post macht Geld locker, damit Postboten in ländlicheren Gegenden Zeit haben, um mit alleinstehenden Menschen zu sprechen und ggf. zu helfen, wenn etwas benötigt wird.
Große Tech-Firmen beschäftigen sich damit, wie die Digitalisierung Einsamkeit begünstigt und wie man dem entgegenwirken kann.

Was ich aber für überaus wichtig halte sind ein offener Umgang mit schwierigen Themen. Dass wir wieder lernen auch Konflikte zu führen, statt davon zu laufen. Dass wir verstehen, dass Bindungen nicht immer eine heile Welt mit sich bringen, aber wichtig für uns und unsere Gesellschaft sind. Dass wir offener werden, so wie es schon in den sozialen Medien geschieht, dass wir über Verluste sprechen, über das, was uns beschäftigt und das was wir brauchen.

 

Wer helfen möchte neue Ideen zu entwickeln, ist herzlich eingeladen an einer Denkfabrik zum Thema „Niemand sollte alleine trauern“ teilzunehmen.
19. Oktober 2019, 10-11.30 Uhr 
Yorck Share Thementag Trauer
Yorckstr. 26, 10965 Berlin

 

Alexandra
info@leid-und-freud.de