Sabrina über den Tod ihres Bruders - verwaiste Geschwister
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Sabrina über den Tod ihres Bruders – verwaiste Geschwister

Sabrina über den Tod ihres Bruders – verwaiste Geschwister

Im Rahmen meines Themenmonats im Juni 2019, in dem es um verwaiste Geschwister geht, hat mir Sabrina ihre Geschichte aufgeschrieben:

Es war ein Freitag im Juni 2008, unsere Oma hatte ihren 93. Geburtstag. Ich war mit meiner Mutter noch mitten in den Vorbereitungen und irgendwie beschlich mich ein komisches Gefühl und ich dachte: „Irgend etwas passiert doch heute noch!“ Ich schrieb meinem Bruder noch eine Nachricht, wann ich ihn denn abholen solle. Daß ich darauf keine Antwort bekam, wunderte mich nicht wirklich. Er war beruflich sehr eingespannt und das Handy hatte bei ihm nicht so den großen Stellenwert.

Am Mittag kam die Pastorin zum gratulieren vorbei, Oma freute sich und genoss ihren Tag. Nachmittags trudelten dann die anderen Gäste ein und wir saßen an der großen Kaffeetafel. Nach dem Kaffee ging ich mit der Tochter (3 Jahre) von meinem Cousin nach draußen zum spielen. Da klingelte es an der Haustür, wir fragten uns wer will uns denn jetzt den restlichen Erdbeerkuchen wegfuttern?! Ich ging rein, die Pastorin und ein Polizist gingen an mir vorbei in die Küche, mein Vater voran.

Ich lauschte an der Tür.
Der Polizist fragte meinen Vater ob Michael sein Sohn sei, mein Vater erwiderte gleich: „Ja, was hat er angestellt?“. Ich muss dazu sagen, das mein Bruder früher viel Unsinn gemacht hat. Der Polizist sprach weiter: „Nein, ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihr Sohn tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde.“

Diese Worte werde ich nie vergessen, sie hallen immer noch in meinem Kopf

Ich stürmte in die Küche und wollte wissen was passiert ist. Leider konnte der Polizist mir keine nähere Auskunft geben, nur das sein Leichnam beschlagnahmt (keiner stirbt einfach so mit 39) und die Wohnung versiegelt wurde.

Ich habe mich sofort ins Auto gesetzt und bin einfach dorthin gefahren. Unterwegs habe ich so geschrien und geweint, ich war Tage später noch heiser. Immer wieder „NEIN, tu mir das nicht an“, dieses betteln, dass es einfach nur ein ganz schlechter Traum ist. Aber ich bin nicht aufgewacht, es war Realität. Wir hatten immer ein super enges Verhältnis und haben uns blind verstanden und vertraut. Als ich wieder Zuhause ankam, war die Familie noch da, alle saßen da wie gelähmt. Und nun erkläre deiner Oma etwas was du selber gar nicht fassen und begreifen kannst. Unsere Pastorin ist allerdings da geblieben und hat versucht seelische Unterstützung zu bieten.

Die nächsten Tage waren der blanke Horror, wir konnten ja nur abwarten, was bei der Obduktion raus käme. Wir haben versucht an Informationen zu kommen, sein Chef z.B. hatte ihn am Montag nach Hause geschickt, weil es ihm nicht gut ging, warum ist er nicht zum Arzt gegangen? Das WARUM ist immer da, aber die Antwort wird es nicht geben. Seine Nachbarn haben ihn am Montag Abend das letzte mal gesehen. Er wohnte in einem Haus mit recht jungen Leuten, da war keine „OMA PASCHULKE“, die guckt wann wer nach Hause kommt oder Besuch bekommt.

Nach ein paar Tagen klingelte das Telefon, er hatte einen Hinterwandinfarkt, wohl ausgelöst durch eine Lungenentzündung. Er lag 3 Tage tot in seiner Wohnung. Sein Nachbar und bester Freund war in der Woche im Urlaub, als er kam und die Zeitung noch vor der Tür lag, hat er die Tür aufgeschlossen und ihn gefunden. Wir haben uns alle große Vorwürfe gemacht. Aber er wohnte 20 km entfernt, man hat irgendwo sein eigenes Leben und hört oder sieht sich nicht täglich.

Jetzt kamen die ganzen organisatorischen Dinge auf uns zu. Die Beerdigung -wer hat schon in dem Alter festgelegt, wie und wo man beerdigt werden möchte???-, die Wohnung musste gekündigt und ausgeräumt werden, etc. Das habe ich dann mit seinen besten Freunden übernommen. Meine Eltern hätten es nicht gekonnt. Meine Mama sagte nur zu einer bekannten am Telefon: “Wir holen Michael wieder nach Hause!“
Die Beerdigung war schön (soweit man ein trauriges Ereignis so bezeichnen kann) aber im Hinterkopf hatte man immer den Gedanken „Hätte er es sich so gewünscht?“ Ich für meinen Teil habe einfach nur funktioniert.

Beim Wohnung ausräumen hatte ich immer das Gefühl, gleich steht er hier und schreit uns an, was wir mit seinen Sachen machen.

Ich hätte mich so gerne von ihm anschreien lassen, wenn er doch nur wieder da wäre

In der Zeit danach konnte man dann zu der eigenen Trauer auch noch sogennante Freunde aussortieren. Einige haben sich abgewendet, vielleicht wussten sie nicht wie sie sich verhalten sollen, aber nichts ist schlimmer als nichts zu tun. Ich hatte das Gefühl ich muss jetzt für meine Eltern stark sein, ich war aber alles andere als stark. Trauer wegschieben funktioniert nur kurze Zeit, dann steht sie wieder vor der Tür und haut kräftig zu. Ich hatte lange Zeit mit Schlafstörungen und Panikattacken zu tun, mit übergroßer Sorge, wenn mal jemand nicht ans Telefon ging.

Mittlerweile ist es 11 Jahre her. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an ihn denke und ihn schrecklich vermisse. Ein Lied, eine Situation und schon kommen die Tränen. Auch jetzt gerade wo ich die Geschichte niederschreibe. Ich rede oft über ihn und auch mit ihm, er ist immer bei mir.  Meinen Sohn habe ich nach ihm benannt, auch mit meinen zwei Kindern rede ich über ihn. Sie kennen die Geschichte und er ist schon irgendwie präsent, wenn auch nicht körperlich.

Anderseits habe ich das Gefühl, ein Teil von mir ist mitgegangen. Und es kommen auch nach der ganzen Zeit häufig Situationen, hatte ich gestern erst, da habe ich meine Prüfung bestanden, ihn hätte ich zuerst angerufen.

Ich versuche hier die Stellung zu halten bis wir uns wieder sehen

Der Schmerz vergeht nie, man lernt mit der Zeit nur damit zu leben und es irgendwie auszuhalten. Aber selbst das ist immer wieder eine neue große Herausforderung. Manchmal klappt es besser und manchmal schlechter. Aber mittlerweile setze ich mich nicht mehr unter Druck. Ich habe gelernt, das ich ich sein darf, wenn ich weinen muss, dann weine ich. Keiner darf mir vorschreiben, wie lange man trauern darf, wann es „mal gut sein soll“, wie lange man den Schmerz für sich behält. Jeder Mensch geht anders mit Trauer und Verlust um und das ist auch gut so.

 

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Alexandra
info@leid-und-freud.de