Francine über den Tod ihres Bruders - verwaiste Geschwister
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Francine über den Tod ihres Bruders – verwaiste Geschwister

Francine über den Tod ihres Bruders – verwaiste Geschwister

Im Rahmen meines Themenmonats im Juni 2019, in dem es um verwaiste Geschwister geht, hat mir Francine ihre Geschichte aufgeschrieben:

Alles fing mit meiner Idee an, meine Mutter zum Muttertag 12.5.2019 mit einem Frühstück zu überraschen.

Ich habe mit ihrem Mann (meine Mutter hat neu geheiratet) alles abgeklärt und habe meine Geschwister gefragt ob sie mitkommen möchten.

Meine Schwester Jaqueline (20) hatte den Dienstag ihre Abschlussprüfung und wollte dafür lernen, mein jüngster Bruder Enrico (19) studierte zu dem Zeitpunkt noch in Nürnberg.

Doch mein anderer Bruder Dominik (24) sagte sofort ja und wollte mit.

Wir haben den Abend vorher noch telefoniert. Ich fragte ihn ob wir Vatertag was zusammen machen wollen und er sagte: „Wieso, willst‘e Lisa (meine Tochter) abgeben?“ und lachte, ich sagte: „Nein, nein ich will nur was mit euch unternehmen.“ Dann sagte er: „Da können wir morgen in Ruhe darüber reden“

Aus irgendeinem Grund hatte ich ein schlechtes Gefühl und ich bat ihn so sehr nicht am Sonntag zu Mama mit dem Motorrad zu fahren. Ich habe versucht ihn zu überreden, aber mein Bruder war stur und er liebte das Motorrad fahren.

Er war so glücklich, dass er nun endlich offiziell die große Maschine fahren darf

Er machte seinen Motorradführerschein schon mit 18 und fuhr auch da schon die großen Maschinen (auch, wenn er es nicht durfte). Viele sagten im Nachhinein, ja er hätte ja erst seit zwei Tagen den Führerschein und wäre ein Frischling, aber dem war nicht so. Er hatte am Freitag die Prüfung bestanden für die große Maschine. Er war wirklich so glücklich und er hat so gestrahlt.

Wir hatten vereinbart uns um 9.30Uhr bei meiner Mutter zu treffen. Ich fuhr um kurz nach 9 los und war 9.30Uhr bei ihr. Mein Bruder war noch nicht da, aber ich dachte mir nichts dabei, er kam öfters mal 5 bis 10 Minuten später. Ich saß 2 -3 Minuten im Auto und wartete, in der Zeit stöberte ich bei Facebook. Im Facebook wurde in eine Gruppe gepostet: „Vollsperrung A38 direkt nach der Auffahrt Heiligenstadt Richtung Göttingen“.

In Heiligenstadt ist mein Bruder auf die Autobahn gefahren. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass es mein Bruder sein könnte. An so etwas habe ich gar nicht gedacht, ich dachte es sei ein Autounfall.

Direkt unter diesem Beitrag stand eine weitere Meldung: „Motorradunfall A38 HIG“, ich weiß nicht warum, aber ich habe diesen Beitrag erst nicht realisiert.

Ich dachte, ok dann steht er vielleicht im Stau und kommt später, also bin ich zur Haustür meiner Mutter gegangen. Als sie mich sah freute sie sich riesig und ich sagte, dass Domi auch gleich kommt. Sie strahlte und freute sich so sehr.

Wir sind in die Küche gegangen und ich erzählte, dass auf der Autobahn ein Unfall war, inzwischen war es 9.45Uhr, ich ging ins Facebook und wollte ihr den Beitrag zeigen.

Erst da sah ich den Beitrag mit dem Motorradunfall und wir sind total nervös geworden und waren total fertig. Wir hatten so Angst, dass er es ist. Ich rief meinen Vater an und fragte wann mein Bruder los gefahren sei. Er sagte, er sei um 8.30Uhr los gefahren, ich fing an zu weinen und erzählte ihm ebenfalls von dem Unfall und das er ja hätte schon lange da sein müssen.

Ich fragte ihn wo sie ihn hinbringen würden, mein Vater sagte nur wir sollen zu ihm nach Hause kommen

Wir riefen bei der Polizei an um rauszufinden ob es wirklich mein Bruder war, sie konnten uns leider keine Auskunft geben. Der neue Mann meiner Mutter arbeitet in Göttingen bei der Polizei und rief dort an, sie wollten sich melden sobald sie was wussten.

Mein Vater war zu der Zeit schon mit meiner Schwester zum Unfallort gefahren, er rief mich an und sagte, dass es mein Bruder sei. Ich war total schockiert, ich fragte ihn wo sie ihn hinbringen würden, mein Vater sagte nur wir sollen zu ihm nach Hause kommen.

Ich dachte er würde noch leben, ich hatte es so gehofft, ich dachte sie bringen ihn in eine Klinik. Meine Mutter und ich sind sofort los gefahren, wir waren so schnell und sind über die Autobahn nach Heiligenstadt gefahren. In Heiligenstadt sind wir dann abgefahren und wir haben von weitem schon den Stau, die Rettungskräfte und meinen Vater an einem Feldweg neben der Autobahn gesehen. Wir suchten diesen Feldweg, wir wollten da unbedingt hin.

Als wir den Weg fanden, standen meine Schwester und mein Vater schon auf der Autobahn bei den Polizisten, sie hatten den Zaun durchtrennt damit wir zu ihnen konnten.

Wir gingen durch den Zaun auf die Autobahn und ich fragte wieder wo sie ihn hingebracht haben, ich dachte immer noch er würde wenigstens noch leben. Doch leider war er nicht mehr am Leben.

Mein Vater sagte mir sie haben ihn nirgends mehr hingebracht und dann war es mir klar

Ich wollte da weg, ich habe geschrien, ich habe einfach nur noch geschrien und wollte da weg. Mein Vater, meine Mutter und mein Freund versuchten mich festzuhalten, weil sie Angst hatten ich stelle Unsinn an. Aber ich konnte einfach nicht da sein, ich bin dann wieder zu dem Feldweg und habe glaube 15 Minuten lang einfach nur geschrien. Ich konnte es nicht glauben, ich kann es noch immer nicht glauben.

Mein Bruder war immer ein sehr vorsichtiger und vorausschauender Fahrer, er war kein Raser. Er war niemand der diesem Adrenalinkick hinterher jagte, er war wirklich vernünftig für sein Alter.

Die Polizei brachte meine Mutter und meine Schwester nach Hause zu meinem Vater. Papa und ich fuhren bei meinem Freund mit. Die Polizei rief die Seelsorgerin an, diese kam dann auch später. Sie war eine sehr nette und einfühlsame junge Frau, wir haben uns sehr wohl bei ihr gefühlt.

Während wir von meiner Mutter nach Heiligenstadt fuhren, hatte mein Vater schon meinen anderen Bruder angerufen und ihn über den Unfall informiert. Er wollte in sein Auto steigen und sofort losfahren, aus irgendeinem Grund rief ich ihn an, ich weiß nicht mehr warum. Ich fragte ihn ob er nach Hause kommt und er sagte, er wollte jetzt los fahren. Ich sagte er solle bitte mit dem Zug fahren, er wollte in dem Zustand mit dem Auto fahren. Wir baten ihn den Zug zu nehmen und wir wollten es ihm bezahlen. Zum Glück fuhr er mit dem Zug und mein Freund und ich holten ihn wenig später von Göttingen vom Bahnhof ab.

Bevor wir los fuhren um meinen Bruder vom Bahnhof zu holen, fuhren wir mit der Seelsorgerin zu meiner Oma um es ihr zu sagen. Sie hat es erst gar nicht realisiert so wie wir alle.

Auf dem Weg von Göttingen zu meinem Vater, schaute ich wieder im Facebook und fand einen Zeitungsartikel des Göttinger Tagesblattes.

Als ich diesen Beitrag las bin ich so wütend geworden. Die Zeitung schrieb doch tatsächlich, dass mein Bruder angeblich versucht hätte sich zwischen der Leitblanke und einem überholenden Fahrzeug durchzudrängeln. Ein Zitat lautete: „…weil es ihm nicht schnell genug gehen konnte…“

Mein Bruder hätte sowas nie gemacht, niemals. Und dann liest man diese Kommentare von Menschen die ihn gar nicht kannten, sie schrieben er wäre selber Schuld und er hätte es in Kauf genommen. Einer schrieb sogar: „recht geschieht‘s“

Ich bin völlig ausgerastet

Der Unfall ist nun sechs Wochen her und wir wissen immer noch nicht genau was passiert ist. Wir kennen kleine Details, mein Bruder war schon neben dem Auto als dieses rauszog. Er hatte keine Chance. Wir wissen, dass er es überlebt hätte, wenn diese Kurve nicht gewesen wäre. Aber leider war da diese Kurve und mit der Kurve auch die Leitplanke. Wäre die Kurve mit der Leitplanke nicht gewesen, wäre er nur auf dem Asphalt gelandet. Er hätte es überlebt und hätte nur ein paar Prellungen und Knochenbrüche gehabt. Wir wissen, dass er mit dem Kopf auf die Leitblanke geflogen ist und dieser Schlag tödlich für ihn war.

Der Unfall an sich war nicht schlimm, sein Motorrad war nicht so schlimm kaputt. Es war einfach nur dieser Flug und der Aufprall.

Mein Bruder ist auch an diesem Tag nicht gerast, so wie es behauptet wurde. Er ist 8.30Uhr los gefahren und wir wollten uns um 9.30Uhr treffen, mit dem Auto fährt man max. eine halbe Stunde. Er wollte nicht rasen, wir haben einen Kontoauszug auf dem ersichtlich ist, dass er um 8.44Uhr noch getankt hat. Ich bin die Strecke von der Auffahrt bis zur Tankstelle abgefahren um zu sehen wie lange man braucht. Mit dem Auto braucht man 4 Minuten, der Notruf ging um 8.54Uhr ein, 10 Minuten später. Er kann nicht gerast sein, wäre er gerast wäre er zu dem Zeitpunkt nicht da gewesen.

Wir haben versucht seine Beerdigung so schön wie nur möglich zu gestalten. Wir haben eine wunderschöne Urne für ihn ausgesucht, der Redner war sehr nett, er war sehr einfühlsam. Bei dem Trauergespräch haben wir uns sehr verstanden gefühlt, der Redner war zwei Stunden bei uns und er hat sich alles angehört. Seine Rede war sehr schön.

Von der Beerdigung hab ich nicht allzu viel mitbekommen, es war wie ein Traum. Es waren sehr viele Leute da die sich von meinem Bruder verabschieden wollten und uns bei stehen wollten.

Wir haben viele Karten erhalten, aber nur sehr wenige sind auf uns zu gekommen und haben uns persönlich Beileid ausgesprochen

Das Thema Tod beängstigt sehr viele Menschen und viele wissen nicht was und wie sie etwas sagen sollen. Man bekommt im Leben so viel gelehrt, aber wie man damit umgehen kann/soll das bringt einem niemand bei. Man wird vom Leben ins eiskalte Wasser geschubst.

Viele Menschen verstehen nicht warum man so sehr nach dem Warum, Wieso, Weshalb und Wie sucht. Sicher weiß man irgendwo, dass es auf so viele Fragen nie eine Antwort geben wird. Aber man muss erstmal an diesen Punkt gelangen, an dem man dieses akzeptieren kann.

Die Leute verlangen, dass man aufhört sich diese Fragen zu stellen. Sie sagen, dass er dadurch nicht wiederkommen wird, aber man möchte wissen warum er? Warum so ein Liebevoller junger Mann, wieso mein Bruder? Wieso ein unschuldiger?

Er war ein guter Mensch.

Es gibt so viele Fragen die man sich stellt

Wie soll man es schaffen? Wie soll man lernen mit diesem Schmerz umzugehen? Wie soll man lernen diesen Verlust zu verarbeiten? Wie soll man akzeptieren, dass so ein großer Teil aus unserem Herzen gerissen wurde? Wie soll man akzeptieren, dass dieser geliebte Mensch nie wieder unter uns weilen darf? Wie soll man akzeptieren, dass es nie eine gerechte Strafe geben wird? Wie soll man einfach weiter leben? Wie soll man versuchen stark zu sein, wenn man innerlich zerbricht? Wie soll man akzeptieren, dass es auf die Frage nach dem Warum keine Antwort gibt? Warum er, warum jetzt, warum so? Wie soll das gehen?
Wie soll man lernen mit dem Tod eines Menschen umzugehen, wenn man ihn so sehr vermisst?

Es gibt Tage da geht es mir einigermaßen gut und dann gibt es Tage da falle ich ein Loch und habe das Gefühl, dass ich es nie schaffen werde es zu verarbeiten.

Meine Tochter erzählt oft von ihm und sie fragt mich was er nun macht. Es ist schwer einem 3Jährigen Kind zu erklären, dass ihr geliebter Onkel nicht wieder kommt. Ich habe ihr gesagt, dass Onkel Domi einen Unfall hatte und ein ganz großes Aua. Ich sagte, dass er tot und im Himmel ist. Er beschützt uns und passt auf uns auf.

Das erzählt sie auch oft. Sie merkt, wenn ich traurig bin, selbst wenn ich nicht weine. Sie sagt dann immer: „Mama du musst nicht traurig sein, es ist alles gut. Wenn du traurig bist muss ich dich knuddeln und dann geht es wieder.“ Als sie dies das erste Mal sagte, war ich sehr erstaunt, was sie schon versteht.

Einige sagen, man soll stark sein für sein Kind, für seine Eltern. Aber wer ist für mich stark? Ich versuche meine Gedanken mit anderen gleichgesinnten oder über Instagram zu teilen und versuche sie dort los zu werden. Ich versuche so wenig wie möglich meine Geschwister und meine Eltern zu belasten. Doch leider sehen sie meine Posts und lesen was ich denke, fühle, schreibe.

Francine findet Ihr hier bei Instagram

Alexandra
info@leid-und-freud.de